Senf nach Kohl? Der Gründüngungs-Fehler, der lange nachwirkt
Gründüngung gilt als immer gut für den Boden. Stimmt nicht ganz: Senf und Ölrettich sind selbst Kohlgewächse – und gehören damit in deine Fruchtfolge eingerechnet.
Das Beet ist abgeerntet, die Erde liegt nackt da, und im Gartencenter steht der Sack Gelbsenf ganz vorne. Schnell gesät, wächst zuverlässig, friert im Winter ab – klingt nach der perfekten Zwischenlösung. Für viele Beete ist es das auch. Aber ausgerechnet da, wo gerade Kohl, Radieschen oder Rucola standen, kann diese Entscheidung dich Jahre kosten.
Gründüngung ist keine Pause von der Fruchtfolge
Der Denkfehler ist verständlich: Gründüngung wird nicht geerntet, sie verschwindet wieder, sie “zählt” gefühlt nicht. Also behandeln wir sie als neutralen Lückenfüller zwischen zwei echten Kulturen.
Aus Sicht des Bodens ist das falsch. Eine Gründüngungspflanze wurzelt, ernährt sich, tauscht sich mit dem Bodenleben aus und kann Krankheitserreger beherbergen – genau wie jede Gemüsepflanze. Sie ist ein vollwertiges Glied deiner Fruchtfolge. Nur eines, das du am Ende selbst wieder einarbeitest.
Senf und Ölrettich sind Kohlgewächse
Gelbsenf und Ölrettich gehören beide zu den Kreuzblütlern, der Familie Brassicaceae – derselben Familie wie Weißkohl, Grünkohl, Brokkoli, Kohlrabi, Radieschen, Rettich, Rucola und Pak Choi.
Das Problem dahinter heißt Kohlhernie, ausgelöst von einem bodenbürtigen Erreger. Er befällt die Wurzeln von Kreuzblütlern, lässt sie knotig anschwellen, und die Pflanze kommt nicht mehr an Wasser und Nährstoffe. Der Erreger bildet Dauersporen, die im Boden sehr lange überleben können – je nach Quelle werden zehn bis zwanzig Jahre genannt. Einmal drin, bekommst du ihn praktisch nicht mehr raus.
Eine dichte Senf-Gründüngung nach der Kohlernte ist für diesen Erreger schlicht eine zusätzliche Wirtsgeneration. Du gibst ihm eine Runde extra, ohne selbst etwas davon zu ernten.
Auch Klee und Wicke haben eine Familie
Die zweite Falle ist die gleiche Logik, nur mit anderen Namen. Rotklee, Weißklee, Inkarnatklee, Wicke, Lupine und Esparsette sind Schmetterlingsblütler (Fabaceae) – die Familie von Erbse, Busch- und Stangenbohne, Saubohne.
Sie sind hervorragende Gründüngung, weil sie über Knöllchenbakterien Stickstoff im Boden anreichern. Aber auf ein Beet, in dem gerade Erbsen oder Bohnen standen, gehören sie trotzdem nicht. Bodenmüdigkeit und Pilzkrankheiten wie die Fußkrankheit der Erbse machen bei der Unterscheidung Gemüse-oder-Gründüngung keinen Unterschied.
Die Faustregel ist einfach: Frag dich nicht “ist das Gemüse?”, sondern “welche Familie?”.
Die unverdächtigen Alternativen
Drei Gründüngungen kollidieren in einem normalen Gemüsebeet so gut wie nie – weil ihre Verwandtschaft dort kaum vorkommt:
Phacelia, der Bienenfreund, gehört zu den Raublattgewächsen. Unter den Gemüsearten hat sie keinen einzigen Verwandten; der einzige Kandidat im Hausgarten ist Borretsch. Sie lockert mit feinen Wurzeln und blüht wunderbar für Insekten. Ihr Aussaatfenster endet allerdings im August – für Mitte September ist sie in den meisten Lagen zu spät dran.
Buchweizen ist ein Knöterichgewächs. Verwandt sind nur Rhabarber und Sauerampfer, die ohnehin meist auf eigenen Dauerbeeten stehen. Dafür ist er sehr frostempfindlich und gehört in den Hochsommer, nicht in den September.
Getreide-Gründüngung wie Roggen oder Hafer gehört zu den Süßgräsern. Verwandtschaftlich kollidiert sie im Gemüsebeet höchstens mit Mais – in den allermeisten Beeten also mit gar nichts.
Was Mitte September noch geht
Für ein Beet, das jetzt frei wird, ist Winterroggen die sicherste Wahl. Er keimt auch bei kühleren Temperaturen, lässt sich bis in den Oktober hinein säen, überwintert grün und wird im Frühjahr zwei bis drei Wochen vor der nächsten Kultur flach eingearbeitet. Seine Stärke ist die Wurzelmasse: Er durchzieht den Boden dicht und hält ihn über den Winter zusammen.
Wicke und Inkarnatklee kommen etwa bis Mitte September noch in den Boden – beide aber nur, wenn im Jahr davor keine Erbsen oder Bohnen auf dem Beet standen. Hafer funktioniert ebenfalls und friert im Gegensatz zum Roggen ab, was die Frühjahrsarbeit leichter macht.
Und falls das Beet deutlich nach Mitte September frei wird: Eine Mulchschicht aus Laub oder angetrocknetem Rasenschnitt ist immer noch besser als nackte Erde über den Winter.
Merk dir die Familie, nicht die Pflanze
Du musst dir nicht jede Wechselwirkung merken. Es reicht, bei jeder Neubepflanzung einmal kurz an die Familie zu denken – auch bei Gründüngung.
In Rootivo steht die Pflanzenfamilie bei jeder der 155 Lexikon-Pflanzen im Steckbrief, Gründünger eingeschlossen. Und wenn du im Beet-Planer eine Pflanze auf eine Fläche setzt, auf der zuvor ein Familienmitglied stand, meldet sich die Fruchtfolge-Prüfung von selbst – bevor die Saat im Boden ist.
Im Lexikon: Roggen (Wintergründüngung)